Kommunikationsanlässe im Alltag

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Oder: Schnelles Modelling für Eilige!

Von Carina Meinken.

In vielen Familien und Einrichtungen ist es selbstverständlich, dass der Talker griffbereit auf dem Tisch steht oder permanent am Rolli montiert ist. Doch irgendwie will es manchmal trotzdem nicht so richtig klappen mit der Kommunikation.

So ist das auch bei Jan. Er ist acht Jahre alt und hat seit zwei Jahren einen Talker.

Jans Mutter sagt: „Wir arbeiten jetzt schon lange mit dem Talker, doch er benutzt ihn immer noch nicht zum Reden.“

Dabei fällt gleich etwas auf: das Wörtchen „arbeiten“.  Ist Reden denn für uns Arbeit?

Wenn wir wollen, dass Jan damit redet, müssen wir ihm zeigen, wie man das macht. In der Fachsprache heißt das „Lernen am Modell“ oder „Modelling“. Erwachsene Personen sind für Kinder ein gutes Vorbild und Lernen fällt leichter, wenn man vormacht, WIE etwas geht. So haben wir alle vermutlich gelernt, eine Schleife zu binden.

Aber es gibt noch ein Problem: die Zeit. Man kann ja so viele schöne Dinge tun. Aktionen planen, Ikonensequenzen zusammenstellen, Symbolkarten laminieren… doch wann? Die Personalbesetzung in der Einrichtung ist knapp, die Kollegin erkrankt und in der Klasse von Jan sind noch mehrere andere Schüler, die Hilfe und Aufmerksamkeit benötigen. Auch in den Familien geht es stressig zu. Da gibt es noch den eigenen Job, den Haushalt und evtl. auch Geschwisterkinder.

Wie kann man denn jetzt ohne viel Aufwand für Jan ein kommunikatives Vorbild, also ein „Modell“ sein?

Als ich damals als Ergotherapeutin in der Schule gearbeitet habe, wurde mir oft gesagt: „Du hast ja die Zeit und 45 Minuten mit dem Kind allein.“ Abgesehen davon, dass viele Kinder völlig überfordert gewesen wären, wenn ich ihnen 45 Minuten am Stück Ikonensequenzen gezeigt hätte, hatte ich zunächst noch gar keine Situation. Ich musste erst einen Kommunikationsanlass schaffen, indem ich eine Aktion im Motorik- oder Werkraum gestartet habe.

Eine Schulstunde oder ein Projekt im Kindergarten will natürlich auch geplant werden, aber da gibt es noch die sich täglich wiederholenden Situationen wie das Frühstück oder das Jacke-Anziehen, bevor es nach draußen geht. In der Familie gibt es ebenso ritualisierte Situationen wie z.B. gemeinsame Mahlzeiten oder das Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte.

Hervorragend eignen sich für diese Situationen die Wörter aus dem 1. Wortschatzmodul „Erstes Steuern einer Interaktion“ der Kommunikationsfunktionen nach Gail van Tatenhove:

noch mal, fertig, mehr, genug, anders, weg, da, halt, helfen, allein, was, das, machen

Wir haben diese Wörter als Ikonensequenzen für Sie zum Ausdrucken zusammengestellt, die Sie hier herunterladen können.

Hier zwei Beispiele, wie diese Wörter im Alltag benutzt werden können:

Jan mag gern Kakao zum Frühstück. Jans Mutter könnte Jan nur einen kleinen Schluck Kakao einschütten und ihn den Becher austrinken lassen. Dann zeigt sie ihm das Wort „mehr“ auf seinem Talker und schüttet ihm noch etwas Kakao ein. Dies wiederholt sie in der Situation zwei- oder dreimal und macht es am nächsten Morgen genau so.

Jan kann seine Jacke noch nicht alleine anziehen. Wenn es nach draußen geht, sagt Jans Lehrerin das Wort „helfen“ mit seinem Talker, bevor sie seine Jacke schließt. Nur einmal oder zweimal, wie es die Zeit zulässt. Besonders effektiv ist es, wenn sie Jan dieses Wort immer einmal vormacht, wenn die Jacken angezogen werden, da wir besonders gut durch Wiederholen lernen.

In der Tabelle finden Sie weitere Beispiele:

noch mal

Geräusche machen, in den Arm nehmen, Mama/Papa ein Küsschen geben, ein Küsschen bekommen, kitzeln, kuscheln, Massage, einen Luftballon aufpusten

fertig

Als Gegensatz zu noch mal

mehr

Eine Geschichte vorlesen und stoppen, malen, ein Schluck Limo, Kakao etc. trinken, Gummibärchen oder Schokolinsen essen, Murmeln oder Farbsteine einfordern

genug

Als Gegensatz zu mehr

anders

Bewusst etwas anders machen z.B. T-Shirt falsch herum anziehen, 2 verschiedene Schuhe anziehen und korrigieren

weg

Verstecken von Gegenständen, Personen

da

Als Gegensatz zu weg

halt

Kitzeln, Fang- und Versteckspiele, toben

helfen

Jacke/ Schuhe anziehen, eine Schleife binden, Schnitzel klein schneiden

allein

Was das Kind schon alleine kann oder alleine probieren könnte, z.B. anziehen, malen, ein Buch umblättern

was

Als Ersatz für spezifische Hauptwörter. Nahrungsmittel oder Gegenstände durch was ersetzen.

• was essen oder trinken, was spielen, was verstecken

Als Fragewort

• Was gibt es heute zu essen?

das

Als Ersatz für spezifische Hauptwörter. Gegenstände (z.B. Kuscheltiere) oder Spiele durch das ersetzen.

• das haben, spielen

machen

Gut geeignet für Tätigkeiten, die das Kind schon alleine machen kann, z.B. eine Taste drücken, um den PowerLink zu aktivieren.

Auch möglich, wenn die helfende Person etwas machen soll.

Zum Schluss noch ein Tipp: „Modell sein“ gelingt besonders gut, wenn man nur ein Wort mit dem Talker sagt und den Rest des Satzes mit Lautsprache ergänzt. Das befreit von dem Druck, alle Wörter des Satzes auf der Kommunikationshilfe finden zu müssen und lässt sich eben deutlich schneller im Alltag umsetzen.

Minfo 03-2014