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Lernen mit Lennart (2011)

Lennart ist 7 Jahre alt und besucht die 2. Klasse. Wie viele Jungen seines Alters mag er Roboter,Basteln und mit seinen Freunden draußen spielen. Im Gegensatz zu seinen Freunden hat Lennart eine Behinderung, die ihn daran hindert, sich zu bewegen, seine Hände einzusetzen oder zu sprechen.

Seit 2 Jahren benutzt Lennart einen EcoTalker mit dem Programm  Wortstrategie 84. Zunächst steuerte er das Gerät mit dem Kopf, mit einem sogenannten Tracker, der den Mauszeiger anhand von Kopfbewegungen verschiebt. Seit einem Jahr hat Lennart eine Augensteuerung. Man schaut auf ein Feld und der Talker löst es aus. Dadurch kann Lennart auf dem Talker Tasten und auch Wörter auswählen.

Mit Hilfe des Programmes Wortstrategie 84 hat Lennart kommunizieren gelernt. Nach anfänglichen Versuchen mit einzelnen Wörtern und Phrasen ist es spannend zu beobachten, wie er mittlerweile immer komplexere Aussagen bildet. Diese Veränderung beginnt nicht nur sein Leben zu verändern, sondern auch das seiner Freunde und all der Menschen, die ihn kennen. Wollte er früher etwas sagen (und wie jeder andere Siebenjährige möchte Lennart sehr viel sagen), mussten Familie und Freunde Fragen stellen und raten, bis das Rätsel gelöst wurde. Jetzt kann seine Mutter – genau wie jede andere Mutter – ihre Freunde anrufen, um die neuesten schrägen, schönen und lustigen Gedanken ihres Sohnes zu erzählen.

Lennarts Mutter erzählt

Sonntagabend, der Tatort fängt gerade an, und ich würde jetzt das Wochenende gern in Ruhe mit meinem Mann ausklingen lassen. Doch statt dessen sitze ich im Wohnzimmer und erweitere auf Wunsch unseres Sohnes Lennart den Wortschatz seines EcoTalkers oder richte Befehle zur Ansteuerung anderer Programme für die Schule oder zur Umfeldsteuerung ein. Warum tue ich das? Was treibt mich an – neben der Verantwortung für unseren Sohn –, wieder auf einen ruhigen Abend zu verzichten und zu „arbeiten“? Ich muss nicht lange über die Antwort auf diese Fragen nachdenken! Es ist ein Weg, sein eigenes Kind besser kennenzulernen, seine Wünsche, seine Ideen, seinen Charakter. Denn die Worte, an denen ich arbeite, sind die, die ihm fehlen, um sich besser ausdrücken zu können. Ein weiterer Punkt ist Stolz! Ja genau, ich bin stolz auf Lennart, wenn ich sehe, welche Leistung er vollbringt: trotz seiner Behinderung so komplexe Dinge auszudrücken, in eine „normale“ Schule zu gehen, sich so gut zu entwickeln. Und – last but not least – es gibt Lennart und mir eine gewaltige Unabhängigkeit. Dadurch, dass ich den EcoTalker so auf ihn zuschneide, gewinne ich Unabhängigkeit zurück. Lennart kann mit dem EcoTalker und jedem Assistenten zu Kindergeburtstagen, Klassenfesten, Klassenfahrten oder einfach zu den Nachbarn gehen, ohne dass ich Angst habe, dass er sich nicht mitteilen könnte. Beruhigt kann ich meinen Dingen nachgehen, da er für sich sorgen kann. Nun aber der Reihe nach. Was ist eigentlich alles im vergangenen Jahr passiert?

Lennart hat immer noch seinen EcoTalker mit der Wortstrategie 84, aber nutzt nun zur Ansteuerung keinen Tracker mehr, sondern eine Augensteuerung. Er geht mittlerweile in die 2. Klasse einer Gesamtschule und ist dort einer von 24 Schülern und das einzige körperbehinderte Kind seiner Klasse. Sein erstes Zeugnis sieht gut aus und er kommt in der Schule mit. Mit der Schule kamen auf uns und den EcoTalker viele neue Dinge zu. Lennart geht zwar auf eine äußerst behinderten-freundliche Regelschule und wir bekommen jegliche Unterstützung, jedoch ist das Unterrichten eines „Talkerkindes“ in einer Klasse von 24 Kindern eine besondere Herausforderung für Eltern, Schüler und Lehrer. Diente der EcoTalker vor einem Jahr zum Ausdruck von Bedürfnissen und kleineren Gesprächen, so ist das Gerät heute Lebensmittelpunkt von Lennart.

Als Schuljunge kommt er mit vielen Fragen zu komplexen Sachverhalten nach Hause. Altersgemäße Themen müssen ihm erklärt und dann als Wortschatz in seinen Talker aufgenommen werden. Dabei haben Lennart und ich oftmals die gleiche Vorstellung, wo ein neues Wort gut in die bestehende Minspeak-Struktur aufgenommen werden kann. Und es ist beeindruckend zu sehen, wie Lennart durch die Menüs der Wortstrategie 84 (mittlerweile um × Worte erweitert) saust und sich auskennt. Auf sprachlicher Ebene hat er im vergangenen Jahr gerade im Hinblick auf Grammatik und Satzstrukturen große Fortschritte gemacht. Er benutzt seinen EcoTalker einerseits also als klassisches Kommunikationsmittel.Andererseits nutzt Lennart den EcoTalker als Lern- und Eingabehilfe für die Schule. Digitalisierte Schulbücher werden von den Verlagen zur Verfügung gestellt. Diese Dateien werden dann so in den Talker integriert, dass Lennart die einzelnen Schulbuchseiten über die Augensteuerung bearbeiten kann. Dies verschlingt mehr Zeit als nur einen Sonntagabend. Aber es lohnt sich, da Lennart jetzt eigenständig das Lernmaterial bearbeiten kann und viel Spaß am Lernen entwickelt. Da diese Möglichkeit der Digitalisierung der Schulbücher noch nicht weit verbreitet ist, musste unsererseits viel Arbeit in die Koordination zwischen Schule, Schulbuchverlagen, Hilfsmittelherstellern und Kostenträgern gesteckt werden. Schließlich dient Lennart der EcoTalker zum Ausdrücken seiner Fantasie (Malen, Basteln...) oder als Hilfsmittel des täglichen Bedarfs (Bedienung des Fernsehers).

Unser Fazit: Ob Schule, Freizeit, Freunde oder Familie – ohne EcoTalker geht bei uns nichts mehr! Daher wird der Talker seit einiger Zeit auch nur noch am Rolli befestigt. Der Einsatz hat sich von einem überwiegend statischen (zu Hause) genutzten Gerät zu einem mobilen Begleiter geändert. Er ist fast überall dabei: in der Schule, beim Einkaufen, beim Spielen, im Restaurant oder beim Besuch bei Freunden. Und wie man auch mit seinem Auto nicht bei Regen mit offenem Fenster fährt (oder ohne Benzin), so müssen wir auch beim Talker nun immer daran denken, die Batterien aufzuladen oder einen Regenschutz dabei zu haben. Jeder neue Lebensbereich bedeutet eine neue Herausforderung für Mensch und Gerät. Vorausschauendes Handeln ist äußerst wichtig, sonst kriegt man es mit einem eingeschnappten siebenjährigen Jungen zu tun. Und das kann schon unangenehm werden…

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Eco-Talker nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken ist und uns gewaltige Möglichkeiten bietet, unserem Sohn zu helfen, stolz auf ihn zu sein und ihn besser kennenzulernen. Das Leben mit dem Talker verschafft uns und Lennart eine große Unabhängigkeit voneinander, die wir uns so bisher nicht vorstellen konnten. So wie aber jeder von uns ständig dazulernen muss, muss auch der Talker ständig an die wachsenden Ansprüche Lennarts angepasst werden. Und Lennarts Entwicklung beobachten zu können, ist viel spannender als der Sonntags-Tatort.


Paul Andres begleitet Lennart

Als Lennarts ursprünglicher PRD-Berater verfolge ich die Entwicklung seiner kommunikativen Möglichkeiten seit mittlerweile 3 Jahren. Es macht Spaß zu sehen, wie der Umgang mit dem EcoTalker sowohl für Lennart als auch für die Menschen in seinem Umfeld immer natürlicher und selbstverständlicher wird.

In den ersten Monaten hat Lennart gelernt, sich mit Hilfe des Anwendungsprogramms Wortstrategie 84 immer klarer auszudrücken. Durch den Wechsel zur Augensteuerung hat er seine Ausdrucksfähigkeit noch einmal gesteigert, denn mit Hilfe der Augensteuerung kann er sich nun mit deutlich weniger körperlicher Anstrengung mitteilen. Damit andere von seinen Erfahrungen profitieren können, haben Lennart und seine Familie mir verschiedene Videoaufnahmen zur Verfügung gestellt. Ich bin sehr dankbar, diese auf dem YouTube-Kanal „AACstuff“ präsentieren zu dürfen. An Unterstützter Kommunikation interessierte Menschen aus der ganzen Welt haben sich gemeldet, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Und so ist Lennart mit Menschen aus der ganzen Welt ins Gespräch gekommen. Es ist unglaublich erfreulich und spannend zu beobachten, wie dieser sehr kommunikative Junge das Minspeak-Anwendungsprogramm Wortstrategie 84 in Verbindung mit den technologischen Möglichkeiten des Eco-Talkers nutzt, immer selbständiger und kreativer wird, während er allen Menschen zeigt, wie wichtig eine bestmögliche Kommunikation wirklich ist.

 

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