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Lauras Mutter erzählt

„Cool“ war anfangs Lauras Lieblingswort. Das sagt schließlich jeder und sie freute sich unbändig, dass sie das jetzt auch konnte. Manchmal drückte sie dieses Feld auf ihrem SmallTalker so oft hintereinander, dass man selbst gar nicht mehr zu Wort kam. Als Nächstes war die Musik dran. Lauras UK-Lehrerin spielte ihr einige Lieder auf den Talker, richtig fetzige Disco- und Rocksongs, die von da an 2 Wochen lang rauf und runter gedudelt wurden. Natürlich in voller Lautstärke. Hallo, Nachbarn! Die Kommunikation beschränkte sich in der Anfangsphase auf bereits einprogrammierten Sätze wie „Ich habe Hunger!“ oder „Ich bin sauer!“ sowie einzelne Worte, die – manchmal aneinandergereiht – uns klar machen sollten, was Laura wollte und dachte. Allerdings ging sie bereits damals sehr pfiffig mit ihren noch eingeschränkten Möglichkeiten um. So beschrieb sie uns einmal eine in rotes Glitzerpapier eingewickelte, runde Praline, die sie gerne naschen wollte, mit den Worten: Schokolade, rot, Planet.

LauraHeute, gerade einmal 5 Monate später, würde sie vermutlich sagen: „Ich möchte die rote Schokoladenkugel zum Nachtisch essen.“ Es ist kaum zu glauben, wie weit sie in so kurzer Zeit gekommen ist! Vor dem SmallTalker hatte Laura ein anderes Gerät mit einer anderen Software, womit wir als Eltern und auch Laura als Nutzerin nicht zurechtkamen. Und so lag das Thema „Unterstützte Kommunikation“ lange brach. Immerhin, so sagten wir uns, verstehen wir unser Kind. Wir wissen, was es möchte und was nicht. Laura konnte sich schon immer gut mit den Augen und mit ihrer Mimik ausdrücken. Wenn sie Durst hatte, schaute sie auf das Getränk auf dem Tisch oder auf den Kühlschrank. Wenn sie ins Bett oder auf die Toilette wollte, wanderte ihr Blick in Richtung ihres Schlaf- bzw. des Badezimmers.
Einer der Gründe, warum wir uns so lange nicht an die Sache mit dem Talker heranwagten, war die Frage der Ansteuerung. Laura kann den Talker nicht direkt ansteuern, weil sie keine Kontrolle über ihre Arme und Hände hat. Es dauerte mehrere Monate und brauchte die vereinten Kräfte der Therapieabteilung von Lauras Schule und ihrer UK-Lehrerin, bis klar war, dass Laura den Talker am besten im Scanning-Verfahren nutzen kann, und zwar mit einem Taster, den sie mit dem linken Knie betätigt. Endlich war er da, Lauras neuer SmallTalker, natürlich in pink! Und dann ging es los. Das Mundwerk stand nicht mehr still. Und wir Eltern, die wir uns immer damit gebrüstet hatten, dass wir Laura doch verstehen würden, merkten, wie viel mehr in unserem Kind steckt. Zum ersten Mal wurde uns klar, dass sich Laura in den 8 Jahren ihres Lebens wie in einem Gefängnis gefühlt haben musste. Da war so vieles, was sie uns gerne mitteilen wollte, so viele abstrakte Gedanken, die man einfach nicht erraten oder erspüren kann. Die, wenn sie nicht artikuliert werden, auf immer und ewig im Dunkeln bleiben. Es kam uns vor, als wäre plötzlich eine Tür aufgestoßen worden und der Raum dahinter war unendlich weit. Wir merkten, was für ein lustiger Quatschkopf unser Kind sein kann, wie viel Fantasie hinter diesem schalkhaften Grinsen steckt. Und mit der Entdeckung der Sprache mittels des Talkers veränderte sich unser ganzes Familienleben. Das betrifft nicht nur die direkte Kommunikation, sondern auch den Blick, mit dem wir unsere Tochter heute betrachten. Durch die Eigenständigkeit, die ihr ermöglicht wird, und die Persönlichkeit, die jetzt zutage tritt, fordert sie mehr Respekt, mehr differenzierte Aufmerksamkeit. Und das ist gut so. Endlich hat ein gewisses Maß an Normalität bei uns Einzug gehalten.
Laura hat rasend schnell gelernt, mit dem Talker umzugehen. Aus den einzelnen Worten wurden kurze Sätze, meist noch grammatikalisch ziemlich holprig. Es dauerte allerdings nicht lange, und sie hatte auch die Sache mit der Grammatik kapiert und entwickelte den Ehrgeiz, Sätze nicht nur zu sagen, sondern auch richtig zu sagen. Kommt ihr heute versehentlich ein falsches Wort unter, wird das gelöscht, auch wenn sie dann länger braucht, bis der Satz fertig ist. Ordnung muss sein. Die Sätze wurden immer länger und komplexer, die Gespräche immer variantenreicher und tiefgründiger. Wir wissen jetzt, dass der sehnlichste Wunsch unserer Tochter ist, zu fliegen wie ein Vogel. Und wenn sie groß ist, will sie Astronautin werden. Hätten wir das ohne Talker jemals herausgefunden?
Vermutlich nicht.
Neulich haben wir im Wald Pilze gesucht, und als wir wieder zu Hause waren, sagte Laura: „Ich glaube, mich hat eine Wespe gestochen.“ Auf Papas panische Frage: „Ja, wo denn, Kind?!“, antwortete Laura – ganz hessisches Mädchen: „Ei, im Wald.“

Alexandra Ernst

 

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